Wer
Ich war noch keine zwei Jahre alt, als ich mich bei einem Unfall schwer verbrannte. Bis zu meinem fünften Geburtstag folgte eine Transplantation auf die andere. Danach verließ ich das Krankenhaus, und für lange Zeit sollte ich keines mehr von innen sehen. Was ich in diesen Jahren gelernt habe, wusste ich damals noch nicht in Worte zu fassen: Warten, Aushalten und Menschen genau beobachten.
Wenn ich nicht im Krankenhaus lag, war ich auf dem Schiff. Ich war ein Kapitänskind. Meine ersten sechs Jahre verbrachte ich zu einem großen Teil an Bord, in einer engen Kajüte, mit wechselnden Häfen und einem Horizont, der nie gleich blieb. Abends wurde gelesen und erzählt. Damals habe ich verstanden, dass eine gute Geschichte einen kleinen Raum größer macht. Mit der Schule wurde das Schiff zum Ferienort, aber das Gefühl blieb.
Als ich zwölf war, starb mein Vater. Mit ihm verlor ich meinen Halt, und ich reagierte darauf, wie Jugendliche eben reagieren: mit Widerspruch gegen alles und jeden. Ein Teil davon ist geblieben. Bis heute misstraue ich der bequemen Einstimmigkeit.
Angefangen habe ich als Auszubildender. Es folgten Jahrzehnte im Management und in der Führung von Hilfsorganisationen. Meine letzte hauptberufliche Station war der WWF, bis 2008. Danach baute ich eigene Unternehmen auf und blieb dem Netzwerk als Ratgeber, Vorstand und Aufsichtsrat verbunden. Insgesamt waren es rund vierzig Berufsjahre, mit viel Verantwortung und Entscheidungen, die nicht immer richtig waren. Das erzähle ich nicht, um mich zu rühmen. Ich erzähle es, damit man sieht, aus welcher Höhe der spätere Weg nach unten führte. Geschrieben habe ich die ganze Zeit: Notizen, Konzepte, ein Sachbuch und eine Kolumne über Fundraising und NGOs, die ich seit vierzehn Jahren schreibe.
Dann kam die Autoimmunerkrankung. Sie kam leise und ist geblieben. Schritt für Schritt musste ich zurücktreten, zuerst aus dem operativen Geschäft und irgendwann ganz aus dem Beruf. Heute sitze ich im Rollstuhl. Mein Körper setzt die Grenzen, nicht mehr mein Terminkalender. Wer früher von Termin zu Termin geflogen ist, misst Entfernungen heute in Türschwellen und Bordsteinkanten. Das ist eine Lektion in Demut, um die ich nicht gebeten habe.
Geblieben ist das, was immer da war: das Schreiben. Ich schreibe ein paar Stunden in der Woche, an guten Tagen mehr und an schlechten gar nicht. Daraus entstehen Romane, Essays und Geschichten, die sich aus dem speisen, was ich erlebt und gesehen habe.
Und dann kam der Krebs. Mit der Diagnose ist „Giving up is no option!“ entstanden. Das ist für mich keine Durchhalteparole. Es ist eine Arbeitsanweisung an mich selbst, jeden Tag neu. Gleichzeitig ist es ein Angebot an alle, die Ähnliches erleben: Ich möchte zeigen, dass ein eingeschränktes Leben kein kleines Leben sein muss. Man kann nicht alles festhalten. Aber man kann mit dem weitermachen, was einem geblieben ist.
Der Junge, der mit fünf Jahren das Krankenhaus verließ, hat gelernt zu warten. Der Mann im Rollstuhl hat gelernt, die Zeit, die ihm bleibt, zu nutzen. Ich schreibe, weil Geschichten mir geholfen haben, Menschen zu verstehen. Ich habe vor, das so lange zu tun, wie es geht.
Olav K.F. Bouman
Warum
Giving up is no option!
Ich habe vierzig Jahre lang Organisationen geführt, Unternehmen aufgebaut und in Vorständen und Aufsichtsräten gesessen. Heute sitze ich im Rollstuhl, lebe mit einer Autoimmunerkrankung und mit Krebs, und schreibe ein paar Stunden in der Woche, wenn der Körper es zulässt.
Hier erzähle ich von diesem Alltag. Es geht um die guten Tage und um die schlechten, um Arztbriefe und Bordsteinkanten, um Krankenkassen, Schmerzen und die kleinen Siege, die niemand sieht. Ich schreibe auch darüber, was im Kopf passiert, wenn das Leben kleiner wird, und darüber, warum es trotzdem nicht klein sein muss.
Ich schreibe nicht als Ratgeber und nicht als Held. Ich schreibe als jemand, der weitermacht, und manchmal eben auch nicht. Zum Weitermachen gehören auch Pausen, Wut und Tage, an denen gar nichts geht.
Wenn du selbst krank bist, wenn du einen kranken Menschen begleitest oder einfach wissen willst, wie man mit dem lebt, was übrig bleibt, dann bist du hier richtig.
Olav K.F. Bouman
