Michael, Singapur und ein neuer Anfang

Über eine Freundschaft, die Finanzkrise und die Menschen, denen wir auf unserem Lebensweg etwas verdanken.

In der Long Bar des Raffles knirschen die Erdnussschalen unter den Füßen. Man wirft sie einfach auf den Boden, das ist dort Tradition. Über den Köpfen bewegen sich die Fächer an der Decke so gemächlich, als hätte das Empire noch alle Zeit der Welt.

Michael passte eigentlich nicht in dieses Tempo. Er war klein und ein Wirbelwind. Er sprach schnell, entschied schnell und hatte schon den nächsten Gedanken, während andere noch über den letzten nachdachten. Er war immer tipptopp gekleidet. Dass seine Anzüge von Peek & Cloppenburg stammten, hätte man nie vermutet, und er hat es aber auch nie verschwiegen.

„Der Gewinn liegt im Einkauf“, sagte er. Das war sein Lieblingssatz.

Ich habe mich oft gefragt, wie jemand mit diesem Leitsatz freiwillig die Preise der Long Bar bezahlen konnte. Die Antwort war einfach: Michael war sparsam, aber nie geizig. Er liebte das Leben, den Genuss und schöne Frauen. Er wusste genau, wofür es sich Geld lohnt und wofür nicht.

Ein Anfang zur falschen Zeit

Im Mai 2008 machte ich mich selbstständig. Nach vielen Jahren in Führungspositionen wollte ich noch einmal etwas Neues anfangen. Wenige Monate später brach Lehman Brothers zusammen, die Finanzmärkte gerieten ins Chaos, und überall wurden Budgets gestrichen. Für die Gründung eines Beratungsunternehmens war das kein idealer Zeitpunkt.

Michael gab mir eine Bankbürgschaft und einen meiner ersten Beratungsaufträge. Das war weit mehr als ein freundliches Schulterklopfen, denn ohne beides hätte ich gar nicht erst anfangen können. Vor allem hatte er Vertrauen in mich.

Von Paris nach Singapur

Unser erstes gemeinsames Projekt führte mich nach Paris. Bei einem Treffen mit Vertretern des WWF traf ich meinen alten Kollegen Chiew wieder, der u.a. mit dem WWF Singapur verbunden war. Ein paar Tage später saßen Chiew, Michael und ich im Café de la Paix gegenüber der Oper. Er erzählte, dass in Singapur gerade der erste asiatische Panda Ball vorbereitet werde und noch Sponsoren fehlten. Es ging um 25.000 US-Dollar. Dann schaute er Michael tief in die Augen, und der sagte spontan zu.

Im Herbst 2008 flog ich zum ersten Mal seit 1989 wieder nach Singapur. Beim Panda Ball im St. Regis vertrat ich Michael als Sponsorenvertreter. Die Schirmherrin war Charlene Wittstock, die Verlobte von Fürst Albert von Monaco. Dort lernte ich Amy kennen, die Geschäftsführerin des WWF Singapur, und Isabelle, die den Bereich Asia-Pacific verantwortete. Aus diesen Begegnungen wurden Projekte und freundschaftliche Kontakte.

Schon 1989 hatte mich diese Stadt fasziniert, mit ihrer Mischung aus asiatischer Geschäftigkeit, britischem Kolonialerbe und der unerschütterlichen Überzeugung, dass man die Zukunft planen und bauen könne. Gebaut wurde dort tatsächlich ständig.

Drei Jahre lang saß ich nun etwa alle sechs Wochen im Flugzeug. Ich beriet den WWF Singapur beim Aufbau des Unternehmensfundraisings, und für Michael suchte ich einen Representative in Singapur und baute ein Vertriebsbüro in Singapur auf. Eigentlich hatte ich mir von der Selbstständigkeit mehr Zeit für die Familie und weniger Hotelnächte erhofft. Stattdessen war ich nun wieder ständig unterwegs. Es hat mir trotzdem großen Spaß gemacht.

Während in Europa die Krise die Unternehmen lähmte, hatte ich mit meinen Aufträgen in Paris und Singapur eine verlässliche Grundlage. Als es in Europa wieder aufwärtsging, konnte ich darauf aufbauen, und mein Unternehmen wuchs.

Abende in der Long Bar

Die wichtigsten Gespräche mit Michael fanden nicht in Besprechungsräumen statt, sondern abends zwischen Erdnussschalen und Deckenfächern. Dort redeten wir über Geschäfte, über Menschen und über das Leben. Er war direkt und manchmal unbequem. Wenn er etwas für Unsinn hielt, sagte er das unmissverständlich. Ich konnte damit umgehen, denn ich packe meine Meinung selbst nicht gern in Watte.

Geld hatte für mich nie einen Wert an sich, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Michael hat es trotzdem geschafft, mich sparsamer zu machen. „Der Gewinn liegt im Einkauf.“ Ich habe diesen Satz so oft gehört, dass er mir irgendwann selbst über die Lippen kam, in Verhandlungen und in Budgetgesprächen. Ich glaube, kein Controller hat mich je so nachhaltig erzogen wie dieser kleine Mann im tadellosen Anzug von der Stange.

Freundschaft und Enttäuschung

Später kam es in Singapur zu Entwicklungen, die mich tief enttäuscht haben. Michael beendete aus persönlichen Gründen die Zusammenarbeit, die ich mit viel Engagement aufgebaut hatte. Damit gingen nicht nur Geschäfte verloren. Auch Beziehungen, die ich über lange Zeit gepflegt hatte, nahmen Schaden.

Das hat mich damals sehr getroffen, und ich bedauere es bis heute. Ich möchte es nicht verschweigen. Ich lasse aber auch nicht zu, dass diese Enttäuschung alles andere überdeckt. Was Michael für mich getan hatte, verlor dadurch nicht an Wert.

Was bleibt

In seinen letzten Jahren hatten wir weniger Kontakt. Er hatte sich in die Berge oberhalb des Vierwaldstättersees zurückgezogen. Am 1. August 2023 ist er gestorben, im Alter von 76 Jahren.

Wir erklären unsere Erfolge gern mit unseren eigenen Fähigkeiten und Entscheidungen. Oft vergessen wir dabei die Menschen, die uns im richtigen Moment eine Tür geöffnet haben. Ich hatte einige davon aber Michael hat einen besonderen Platz in meinem Herzen. Er gab mir einen Auftrag, als ich einen brauchte, und eine Bürgschaft, als ich gerade erst anfing. Außerdem öffnete er mir den Zugang zu einer Welt, die für mich noch sehr wichtig werden sollte.

Heute reise ich nicht mehr, und die Long Bar werde ich nicht wiedersehen. Aber ich kann mich erinnern und darüber schreiben, an das Knirschen der Schalen, an einen kleinen Mann voller Energie in einem Anzug von der Stange und an seinen Satz, den ich nicht mehr loswerde.

Wenn ich an Michael denke, werde ich schon wehmütig und vermisse ihn. Danke mein väterlicher Freund.

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Mein Leben wird kleiner. Meine Welt nicht.