Über verlorene Bewegungsfreiheit, die Grenzen meines Körpers und die Freiheit, neugierig zu bleiben.
Früher fragte ich: Wann geht der Flug? Heute frage ich: Gibt es eine Rampe? Funktioniert der Aufzug? Und spielt mein Körper heute überhaupt mit?
Ich war viel unterwegs, beruflich und privat. Die Flughäfen und Besprechungsräume habe ich nie geliebt, die Begegnungen dagegen schon. Und ich habe die Orte geliebt, die sich nicht in einem Satz erklären lassen.
Singapur ist so ein Ort. Ich habe dort oft im Innenhof des Raffles Hotel gesessen. Er ist weiß, mit Säulengängen, Palmen und Veranden, auf denen die Zeit irgendwann um 1900 stehen geblieben zu sein scheint. Innerhalb dieser Mauern ist man in einer anderen Welt, im britischen Empire mit seinen Ritualen und seiner Selbstgewissheit. Dann tritt man durch einen Seitenausgang hinaus, und vor einem ragt das Swissôtel The Stamford auf, mit über siebzig Stockwerken aus Glas und Beton. Es sind nur ein paar Schritte, aber sie überbrücken hundert Jahre.
An diesen Seitenausgang muss ich heute oft denken.
Die Welt draußen
Seit vielen Jahren bin ich auf den Rollstuhl angewiesen. Die meisten Menschen sehen darin vor allem eine Einschränkung. Das stimmt, aber es ist nur die halbe Wahrheit, denn ohne ihn könnte ich vieles gar nicht mehr. Der Rollstuhl nimmt mir keine Bewegungsfreiheit. Er gibt mir den Rest davon zurück.
Was er nicht beseitigt, sind die Schmerzen, die Erschöpfung und all die anderen Erkrankungen, gegen die keine Rampe und kein Aufzug hilft. Manchmal scheitert ein Vorhaben nicht an der Umgebung, sondern an meinem Körper, der sich nicht für meine Absichten interessiert.
Das schöne ich mir nicht. Ich vermisse es, einfach aufzubrechen, ohne vorher zu prüfen, ob Körper, Rollstuhl und Welt mitspielen. Und manchmal macht es mich richtig wütend, dass mein Leben immer mehr von Dingen bestimmt wird, auf die ich kaum Einfluss habe.
Es gibt Tage, an denen sich jede Planung von selbst erledigt. Dann geht gar nichts.
Was von der großen Welt bleibt
Meine Neugier hat sich nicht verändert, nur die Art, ihr nachzugehen. Ich reise heute häufiger mit Büchern als mit Flugzeugen. Ich beschäftige mich mit Menschen, die längst nicht mehr leben, und mit Zusammenhängen, die mir früher verborgen geblieben sind.
Ein Buch ersetzt keine Reise. Die feuchte Hitze Singapurs am Abend und das Geräusch der Deckenventilatoren über einer Veranda findet man in keinem Buch. Aber Bücher öffnen Türen, durch die man sonst nie gegangen wäre.
Schreiben als Möglichkeit
Mein Vater war Kapitän und ein begnadeter Geschichtenerzähler. Sagen, Märchen und Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend gehörten zu meiner Kindheit wie das Schaukeln des Schiffs. Damals hat meine Liebe zu Geschichten angefangen, und sie hat mich nie verlassen.
Heute schreibe ich Geschichten und ich versuche mich an meinem ersten Roman. Das geht sehr, sehr langsam aber es ist auch ein positives Gefühl etwas ganz Neues zu erschaffen. Das aktuelle Projekt führt mich zurück nach Singapur, genau in diesen Spalt zwischen alter und neuer Welt, in dem das Gestern noch nicht vergangen und das Morgen schon gebaut ist. Mehr verrate ich noch nicht.
Auch Denken kostet allerdings Kraft. Schmerzen zerstreuen die Konzentration, und Gedanken verschwinden manchmal schneller, als ich sie aufschreiben kann. An manchen Tagen bleibt der Computer aus, und dann ist auch meine innere Welt kleiner, als mir lieb ist.
An anderen Tagen entdecke ich einen Zusammenhang oder bringe eine Figur einen Schritt weiter. Dann vergesse ich für eine Weile, wie eng mein Leben geworden ist.
Die Grenzen bleiben
Ein gutes Buch ersetzt keinen Spaziergang, und eine Erinnerung ersetzt keine Begegnung.
Es gibt Verluste, die bleiben Verluste.
Es macht trotzdem einen Unterschied, wohin ich schaue. Manchmal genügt ein gutes Gespräch, ein Nachmittag mit den Enkeln oder eine Idee, aus der irgendwann eine Geschichte wird. Diese Dinge haben nicht an Wert verloren, nur weil mein Bewegungsradius kleiner geworden ist. Vielleicht sehe ich sie heute sogar genauer.
Meine Möglichkeiten werden in den kommenden Jahren eher noch weniger werden. Diese Aussicht gefällt mir überhaupt nicht. Trotzdem werde ich meine Neugier nicht auf das beschränken, was vor meiner Wohnungstür passiert. Und ich lasse nicht zu, dass meine Erkrankungen der einzige Inhalt meines Lebens werden. Sie nehmen schon genug Raum ein.
Vor einiger Zeit habe ich geschrieben: „Manchmal wird der Weg kürzer. Der Horizont muss es nicht sein.“
Das tröstet nicht über alles hinweg, was ich verloren habe. Es beschreibt etwas, das ich mir bewahren will. Ich kann nicht mehr durch den Seitenausgang des Raffles hinaus auf die Straße treten. Aber ich kann darüber schreiben, wie es sich anfühlt, an dieser Schwelle zwischen zwei Zeiten zu stehen.
Und solange das so ist, habe ich noch eine ganze Menge vor.
Giving up is no option!
