Worauf soll ich eigentlich noch warten?
Warum ich mein Leben nicht auf einen besseren Tag verschiebe.
Ich warte nicht darauf, wieder gesund zu sein, um zu leben. Das wäre auch ziemlich dumm. Denn niemand kann mir sagen, ob dieser Tag überhaupt kommt.
Dieser Gedanke beschäftigt mich seit einigen Jahren. Eigentlich eine ziemlich banale Erkenntnis, könnte man meinen. Doch im Alltag danach zu handeln, ist eine ganz andere Sache.
Ich lebe seit vielen Jahren mit chronischen Erkrankungen. Schmerzen, Erschöpfung, eingeschränkte Beweglichkeit und schließlich der Rollstuhl haben mein Leben grundlegend verändert. Vieles, was früher selbstverständlich war, ist heute unmöglich oder nur mit erheblichem Aufwand zu bewältigen. Und seit zweieinhalb Jahren gehört auch noch eine Krebserkrankung zu meiner Lebenswirklichkeit.
Natürlich gibt es Tage, an denen ich mir wünsche, das alles wäre anders. Tage, an denen die Schmerzen kaum auszuhalten sind, die Erschöpfung jede Aktivität verhindert oder mich die Aussicht auf weitere Arzttermine und Behandlungen regelrecht anwidert.
Aber wenn ich darauf warten wollte, dass diese Tage endgültig vorübergehen, würde ich möglicherweise sehr lange warten. Vielleicht sogar vergeblich.
Das Leben auf später verschieben
Wir Menschen sind erstaunlich gut darin, unser Leben in eine bessere Zukunft zu verlegen.
Wenn die Kinder erst einmal groß sind. Wenn die berufliche Belastung nachlässt. Wenn wir in Rente gehen. Wenn wir genügend Geld haben. Oder wenn wir endlich wieder gesund sind.
Dann, so versprechen wir es uns, werden wir all das tun, wofür bisher angeblich keine Zeit geblieben ist.
Ich kenne solche Überlegungen natürlich auch. Über viele Jahre war mein Leben stark durch berufliche Aufgaben geprägt. Ich habe Organisationen und Unternehmen geführt, Projekte entwickelt und Verantwortung getragen. Es waren intensive, oft spannende Jahre, die mich rund um die Welt geführt haben und die ich nicht missen möchte.
Irgendwann veränderten sich allerdings die Voraussetzungen. Meine gesundheitlichen Einschränkungen wurden größer, meine beruflichen Möglichkeiten kleiner. Im Jahr 2020 zog ich mich schließlich aus dem aktiven Berufsleben zurück.
Damit endete nicht nur ein wesentlicher Teil meines bisherigen Alltags. Ich musste mich auch mit der Frage beschäftigen, wie mein Leben unter den veränderten Bedingungen weitergehen sollte.
Was wollte ich noch tun? Was war mir wirklich wichtig? Und was davon war überhaupt noch möglich?
Es ist nicht ganz einfach, solche Fragen zu beantworten, wenn man gleichzeitig feststellen muss, dass die eigenen Möglichkeiten immer weiter schwinden.
Was bleibt, wenn vieles nicht mehr geht?
Ich habe immer gerne geschrieben. Beruflich ohnehin, aber auch aus persönlichem Interesse. Geschichten, Gedanken und Ideen begleiten mich seit meiner Kindheit.
Heute schreibe ich wieder, wann immer es meine Gesundheit zulässt. Über menschliches Verhalten, über Geschichte und über die Dinge, die mich beschäftigen. Ich arbeite an Romanen und an diesem Journal, entwickle Figuren, beschäftige mich mit historischen Ereignissen und lese über Neurowissenschaften. Mich interessiert, warum Menschen so handeln, wie sie handeln. Eine Frage, auf die ich trotz jahrzehntelanger Beschäftigung mit dem Thema noch immer keine abschließende Antwort gefunden habe.
Natürlich hätte ich auch damit warten können.
Auf eine Phase mit weniger Schmerzen. Auf bessere gesundheitliche Aussichten. Auf eine Zeit, in der mein Alltag nicht ständig durch medizinische und organisatorische Notwendigkeiten unterbrochen wird.
Nur weshalb sollte diese Zeit ausgerechnet irgendwann kommen?
Ich weiß es nicht.
Also schreibe ich heute.
Nicht jeden Tag. Nicht immer so konzentriert oder so lange, wie ich es gerne hätte. Manchmal bleiben Ideen liegen, weil mein Körper schlicht nicht mitmacht. Ein guter Plan am Morgen kann schon mittags hinfällig sein.
Das ärgert mich. Gelegentlich macht es mich sogar richtig wütend.
Aber soll ich deshalb keine Pläne mehr machen?
Akzeptieren ist etwas anderes als aufgeben
Eine der schwierigsten Erkenntnisse der vergangenen Jahre war für mich, dass sich meine Erkrankungen nicht durch Willenskraft beseitigen lassen.
Ich kann nicht mehr alles erreichen, was ich früher erreichen konnte. Meine Kräfte sind begrenzt. Manche Vorhaben musste ich aufgeben, und einige Wünsche werden vermutlich unerfüllt bleiben.
Das zu akzeptieren fällt mir bis heute schwer.
Schließlich habe ich einen großen Teil meines Lebens damit verbracht, Probleme zu lösen, Widerstände zu überwinden und nach neuen Möglichkeiten zu suchen. Wenn etwas nicht funktionierte, wurde nach einer anderen Lösung gesucht. Meistens fand sich auch eine.
Bei chronischen Erkrankungen funktioniert dieses Prinzip leider nur sehr eingeschränkt.
Man kann sich noch so sehr anstrengen, noch so diszipliniert sein und noch so viele Möglichkeiten prüfen. Manchmal bleibt die Realität davon völlig unbeeindruckt.
Das anzuerkennen, ohne daran zu verzweifeln, ist eine Herausforderung.
Ich musste lernen, zwischen dem zu unterscheiden, was ich tatsächlich beeinflussen kann, und dem, was ich hinnehmen muss. Nicht jede Einschränkung ist eine Herausforderung, die sich mit genügend Ehrgeiz überwinden lässt. Und nicht jedes unerreichte Ziel ist eine persönliche Niederlage.
Das klingt vernünftig. Es zu leben, fällt mir allerdings nicht immer leicht.
Mein Körper bestimmt meine Grenzen
In einem meiner Social-Media-Beiträge habe ich geschrieben:
„Mein kranker Körper bestimmt meine Grenzen. Mein Kopf bestimmt mein Leben.“
Ich stehe zu diesem Satz. Allerdings sollte man ihn nicht als Behauptung missverstehen, mit der richtigen Einstellung ließe sich jede Schwierigkeit überwinden.
Das wäre Unsinn.
Natürlich ist auch mein Denken von meinem körperlichen Zustand abhängig. Schmerzen und Erschöpfung beeinträchtigen meine Konzentration, meine Belastbarkeit und gelegentlich auch meine Stimmung. An manchen Tagen gelingt mir kaum mehr, als das Nötigste zu erledigen.
An anderen Tagen dagegen kann ich stundenlang lesen, schreiben, nachdenken oder mich mit einem Thema beschäftigen, das meine Neugier geweckt hat.
Ich kann meine körperlichen Einschränkungen nicht einfach ignorieren. Aber ich muss mich auch nicht ausschließlich über sie definieren.
Da sind noch meine Interessen, meine Erfahrungen, meine Familie und all die Fragen, auf die ich gerne eine Antwort finden möchte.
Und es gibt noch etwas, das ich nicht verlieren möchte: die Freude daran, Neues zu entdecken.
Das alles macht die Krankheiten nicht erträglicher. Jedenfalls nicht automatisch. Es ändert auch nichts an den medizinischen Tatsachen.
Aber es gibt meinem Alltag Inhalte, die nichts mit Diagnosen, Therapien und Einschränkungen zu tun haben.
Und das ist mir wichtig.
Und morgen?
Mit zunehmendem Alter und angesichts meiner Erkrankungen ist mir die Endlichkeit des Lebens sehr viel bewusster geworden. Die Krebsdiagnose hat diesen Gedanken noch einmal verstärkt.
Ich weiß nicht, was mich in den kommenden Jahren erwartet. Vielleicht werden weitere Einschränkungen hinzukommen. Vielleicht gibt es auch erfreuliche Entwicklungen. Ich hoffe natürlich auf Letzteres, bin aber Realist genug, um auch das andere nicht auszuschließen.
Was ich keinesfalls möchte, ist eines Tages festzustellen, dass ich die mir verbliebene Zeit hauptsächlich damit verbracht habe, auf bessere Zeiten zu warten.
Deshalb schreibe ich. Deshalb mache ich weiterhin Pläne und beschäftige mich mit neuen Ideen. Deshalb möchte ich neugierig bleiben, auch wenn ich manches, was mich interessiert, vielleicht nie mehr selbst erleben werde.
Und deshalb versuche ich, mich über die kleinen Dinge des Alltags zu freuen, die ich früher womöglich kaum beachtet hätte.
Ich werde meine Grenzen auch weiterhin spüren. Manche muss ich respektieren, andere kann ich vielleicht noch ein wenig verschieben. Vermutlich werde ich mich darüber auch weiterhin gelegentlich ärgern.
Es wird gute und schlechte Tage geben. Daran wird sich wohl nichts ändern.
Aber mein Leben findet an beiden statt.
Und deshalb verschiebe ich es nicht auf einen besseren Tag.
Giving up is no option!
